Pursuit of Crappiness Ein Blog über Arbeit im 21. Jahrhundert

22Feb/100

Im Interesse der Verkäuferinnen

Bezahlt die Verkäuferin das Studium des Arztsohns ? Kaum protestieren Studenten gegen die miesen Bedingungen an den Hochschulen, wird von Seiten der Politik klargemacht, wogegen sich der Protest eigentlich richtet: Gegen den Geldbeutel schlechtbezahlter Arbeitskräfte. Dabei war doch schon im Vorfeld klar geworden, dass Studiengebühren und erhöhter Leistungsdruck, sprich rigidere Selektion, mit dem Zweck geschaffen wurden, die Anzahl der Akademiker auf dem Arbeitsmarkt zu reduzieren, nicht um die schuftenden Angestellten einen Euro fünfzig im Monat reicher zu machen. Ein Taxifahrer braucht keinen Doktortitel. Hat er ihn doch, war es reine Geldverschwendung. Davor hüte man sich ! Ein schlecht regulierter Arbeitsmarkt ist schlecht für's Geschäft und was schlecht für's Geschäft ist, ist schlecht für das Land. Mit dem Verweis auf die Verkäuferin schlägt der Staat zwei Fliegen mit einer Klappe:

1. Er schützt sich vor dem Vorwurf er verpflichte sich nur der Wirtschaft. In Wirklichkeit, so heuchelt er, handelt er nicht im Sinne der hiesigen Unternehmen, sondern für die Verkäuferinnen, die Fensterreinigungskräfte, die Zeitarbeiter, also im Interesse des kleinen Mannes.

2. bleut er den Arbeitnehmern mit Erfolg ein, dass die faulen Studenten, die Arbeitslosen und allerhand andere Leute Schuld daran sind, dass sie Netto so wenig nach Hause bringen, nur nicht das Unternehmen, dass sie bezahlt.

Ralf Schröder bemerkt treffend:

Professor Wolfgang Franz, Arbeitsmarktexperte und derzeit Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, schlug jüngst mehrfach vor, den Hartz-Regelsatz von 359 auf 251 Euro zu senken: "Es geht darum, das Arbeitslosengeld II weiterzuentwickeln. Empfänger sollen leichter hinzuverdienen können, gleichzeitig sollen aber alle Bezieher von Arbeitslosengeld II für diese Transferleistungen arbeiten. Denn die Verkäuferin im Supermarkt finanziert diese Fürsorgeleistung über ihre Steuern mit und erwartet zu Recht, dass Empfänger dafür eine Gegenleistung erbringen." Das wiegt natürlich schwer. Denn bekanntlich hat noch kein deutsches Kabinett den Versuch gewagt, das Land ohne Einverständnis der Verkäuferinnen zu regieren. (Quelle: Konkret 2/2010)

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